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Im ersten Band des Werkes über die Uniformierung und Ausrüstung der deutschen Armeen von 1870/71 war auch ein Kapitel über die Handfeuerwaffen der Truppen des Norddeutschen Bundes und der süddeutschen Staaten vorgesehen, konnte aber wegen Platzproblemen nicht mehr integriert werden können. Ein verkürzter Text wurde dann als Artikel im DWJ 7/2020 veröffentlicht. Hier soll nun der ursprüngliche Text, angereichert mit Abbildungen und weitergehenden Informationen zu den Handfeuerwaffen präsentiert werden und so eine Ergänzung zum erwähnten Werk zu liefern. Die Referenzen der Fußnoten können in der Bibliographie zu den Armeen der Zeit bzw. in der Bibliographie zur Kriegsgeschichte nachgeschlagen werden.

Im Gegensatz zur Artillerie, bei der eine Harmonisierung der Geschütze durch alle deutschen Staaten existierte[1], lag dies bei den eingesetzten Handfeuerwaffen noch anders. Aufgrund der in Deutschland bis 1866 und auch danach noch gegebenen unterschiedlichen politischen Einflüsse in den norddeutschen sowie süddeutschen Staaten, bildeten sich zwei unterschiedliche Lager hinsichtlich der Kaliber von Handfeuerwaffen heraus.

Während die Staaten des norddeutschen Bundes die Waffen Preußens mit Kaliber 15,43 mm übernahmen, orientierten sich die süddeutschen Staaten wie Bayern und Württemberg in den 1850er und 1860er Jahren am kleineren österreichischen Kaliber von 13,9 mm.[2] Der zweite wichtige Unterschied bestand in der noch von den Gegnern Preußens genutzten Technik des Vorderladers, der im Krieg von 1866 seine Unterlegenheit gegenüber dem Hinterladersystem der preußischen Waffen zeigte. Zwar konnten Vorderlader in der Treffergenauigkeit positive Wirkung erzielen, jedoch zeigte sich, dass dies durch die hohe Schussfrequenz der Hinterladergewehre ausgehebelt wurde.

Daher stellten die noch mit Vorderlader bewaffneten Heere ihre Vorderlader- auf Hinterladergewehre um, wie beispielsweise das in Bayern hauptsächlich eingesetzte "Podewils-Gewehr". Jedoch konnte diese Umrüstung zu Problemen in der Munitionierung führen, da bei den umgerüsteten Gewehren zum Teil noch auf Papiereinheitspatronen zurückgreifen werden musste. Diese waren aber den mit dem Erfolg der Hinterlader eng verknüpften Metalleinheitspatronen unterlegen.[3] Neu entwickelte Hinterlader wie das damals auf dem Niveau der amerikanischen Hinterladersysteme liegende bayerische Werder-Gewehr kamen bis zum Deutsch-Französischen Krieg nur in geringerer Zahl zur Auslieferung.

Für die Kavallerie war dieser Fortschritt bis zum Kriegsausbruch noch nicht gegeben, da die Taktik des Kavallerieeinsatzes im Gefecht noch den Fokus auf die Nutzung der Blankwaffe legte. So waren die Kürassiere und Ulanen sowie die Unteroffiziere und Trompeter der Dragoner und Husaren noch 1870 mit älteren, glattläufigen Pistolen bewaffnet, die sich jedoch höchstens beim Alarmgeben bewährten.[4] Nur primär zum Plänkeln eingesetzte Kavalleristen, d.h. die Mannschaften der Dragoner und Husaren, wurden ab 1859 mit dem Zündnadel-Karabiner Modell 57 ausgerüstet, die jedoch gegenüber der Standardwaffe französischer Verbände, dem Chassepot, ins Hintertreffen kam. Hinsichtlich der Pistole berichtet der Chronist des Ulanen-Regiments Nr. 7:

"Was man indeß sehr vermißt hatte, das war besonders, wenn wie in der letzten Periode das Regiment selbstständig antreten sollte, zur Besetzung von Engwegen und Sicherung von Unterkunftsorten, im Kampf mit Franctireurs, eine brauchbare Handfeuerwaffe. Das Pistol hatte sich als völlig unzulänglich herausgestellt, und so erhielt denn durch Kabinets-Ordre vom 6. März 1873 jede Eskadron 32 Chassepot-Karabiner …"[5]

Als Alternativen zu den Pistolen wurden im Deutsch-Französischen Krieg auch zahlreiche Revolvermodelle, meist aus amerikanischer oder französischer Produktion, vor allem von deutschen Offizieren bevorzugt.[6] Da ihnen keine Schusswaffe vorgeschrieben war, spielten bei der Beschaffung finanzielle Möglichkeiten und technische Vorlieben der betreffenden Offiziere eine wichtige Rolle. So verwundert es nicht, dass Fotografien der Zeit auch Offiziere mit Revolvern unterschiedlicher Herkunft präsentieren.

 

Kanonier einer reitenden Batterie des (sächsischen) Feld-Artillerie-Regiments Nr. 12 - er führt einen Revolver, möglicherweise vom französischen Modell Lefaucheux, auch der Säbel dürfte französischen Ursprungs sein, nämlich vom M/22 für die Kavallerie.
(Sammlung Louis Delpérier; Abbildung kann mit dem Mauszeiger vergrößert werden)

 

Während der Belagerungen im Laufe des Deutsch-Französischen Krieges kamen auch Wallbüchsen zur Bekämpfung französischer Schützen und Artilleristen zum Einsatz. Selbst die von der französischen Armee eingesetzten "Kanonenboote" wurden mit diesen beschossen:

"Vielfach fuhren auch armierte Kanonenboote heran und suchten sich ihr Ziel aus nächster Entfernung, zwar meist ohne Wirkung zu erzielen. Zur Abwehr dieser Versuche bildete man besondere Trupps, welche, mit Wallbüchsen ausgerüstet, dem Gegner wenigstens einigermaßen antworten konnten."[7]

Allerdings erforderte die Bedienung von Wallbüchsen erfahrene Soldaten, wie bei den badischen Leib-Grenadieren zu erfahren ist:

"Die Ehre, eine Wallbüchse führen zu dürfen, wurde nur ausgewählten Mannschaften aus den vorzüglichsten Schützen zu Theil. Sie standen unter Befehl besonders auf der Spandauer Schießschule ausgebildeter Offiziere … Ihr Dienst war ein sehr anstrengender und gefährdeter. Dem Feinde möglichst nahe, in den allervordersten Schützenlöchern, später in den am weitesten vorgetriebenen Laufgräbenspitzen nisteten sie sich stets noch vor Tagesanbruch ein, verblieben dann meist bis zum Abend in ihren vom Feinde scharf auf’s Korn genommenen Schützenlöchern, durchspähten unausgesetzt mit scharfem wachsamen Auge die Festungswerke, und was dort sich zeigte, war ihrer sicheren weittragenden Waffe rettungslos verfallen."[8]